Der Ötztal Radmarathon – verniedlicht auch „Ötzi“ genannt – gehört wohl zu den härtesten Ein-Tages-Rennen, denen sich Hobby-Radler stellen können. 238km und 5.500 Höhenmeter sind bei insgesamt 4 Pässen bei jeder Wetterlage zu bewältigen. Das Strecken-Profil ist durchaus mit einer Königsetappe eines Giro, einer Tour oder Vuelta zu vergleichen. Nach einer pandemiebedingten Pause wurde das Rennen 2021 zum 40.mal ausgetragen. Am Start auch zwei AWR-Cracks, Wolfgang und Robert. Letzterer hat einiges zu berichten …

Die Ausgangslage und die Frage nach der Schneekettenpflicht
Aufgrund der Ötzi-Lotterie musste ich tatsächlich 4 Jahre warten, um einen Startplatz zu ergattern. 2020 war es also so weit, um zu starten. Doch es kam eine kleine Pandemie dazwischen und so dauerte meine Vorbereitung auf den Bewerb 5 Jahre.
Die Wettervorhersagen waren alles andere als gut. Kälte, Regen und Schnee waren vorausgesagt, also super Bedingungen für einen harten Tag am Rad. Gott sei Dank irrte sich die Voraussage ein wenig und das Feld blieb 10 Stunden vom Regen verschont.

Der Start oder wie weit von hinten kann man ein Feld aufrollen …
Als Rennradler lernt man eines sehr schnell: „Schalte niemals „groß-groß“. Tja, was soll ich sagen. Mir ist das beim Start in der Hektik gleich zweimal passiert. Mit dem Effekt, dass die Strecke von Beginn an wirklich nur mir gehörte. Mit einem Abstand von ca. 7-8 Minuten auf das Feld. „Wie …. muss man sein?“. Glück im Unglück, das ganze passierte noch vor der Startlinie, hatte also keine Auswirkung auf die Zeitnehmung.

Jetzt hieß es, Ruhe zu bewahren und nicht unnötig Körner zu verschießen, die ich noch dringend brauchen werde. Also orientierte ich mich daran, mit etwa 170-200 Watt zu fahren, d.h. in meinem Grundlagenbereich. Ich hatte aber in dieser Phase doppeltes Glück. Nach etwa 10km kam ich an einer Stelle vorbei, wo es offensichtlich einen Sturz mit einem schwer verletzten und zumindest zwei leicht verletzten Teilnehmern gab. Manchmal gar nicht schlecht, nicht im Pulk zu sein. Zusätzlich hatte ich bald Gesellschaft, ich traf auf eine „Lokomotive“, die immer unbedingt im Wind fahren wollte. Den Gefallen konnte ich dem Herren gerne tun. Als ich ihn später bergauf überholte und nach dem Grund seines späten Starts fragte, erhielt ich die Antwort „ich musste nochmals aufs Klo.“ 😊.
Jedenfalls war es tatsächlich so, dass wir am Fuße der ersten Steigung zum Feld aufgeschlossen hatten. Ich war also wieder im Rennen.

Der erste Anstieg – Rauf auf’s Kühtai
Nun hieß es also, seinen eigenen Rhythmus finden und gleichmäßig fahren. Ich wollte unbedingt ein „Überpacen“ verhindern und richtete mich auf 200-220 Watt ein. Eine Leistung, die ich zu diesem Zeitpunkt noch ohne Probleme fahren konnte. Einer der anderen Teilnehmer machte mich auf ein Problem in der Kettenführung aufmerksam, das ich selbst nicht beheben konnte. Also nahm ich das vom Veranstalter zur Verfügung gestellte Service in Anspruch. Das Problem war in kurzer Zeit behoben, wodurch ich nur wenig Zeitverlust verkraften musste. In diesem Abschnitt waren auch die zusätzlichen Kilometer und zusätzlichen Höhenmeter (aufgrund einer geänderten Streckenführung nach einem Felssturz) versteckt. Insgesamt machte der Anstieg körperlich wenig Probleme. Die Stimmung war im gesamten Feld gut.

Runter vom Kühtai und Anfahrt auf Innsbruck und Brenner
Runter vom Kühtai begann es dann wirklich Spaß zu machen. Ich bezeichne mich selbst als durchschnittlichen und vorsichtigen Abfahrer, aber in „meinem“ Bereich des Feldes gab es offensichtlich viele „Flachländer“. Wenn ich so viel gebremst hätte wie die Kollegen, hätte ich Jaufenpass die Belege tauschen müssen. Also ging es mit bis zu 91km/h bergab und ich konnte viele Plätze gut machen. Schneller traute ich mich nicht, weil ich viele Teilnehmer nicht einschätzen konnte und mich daher öfter freiwillig hinten einordnete.
Richtung Innsbruck fahrend habe ich nach geringer Investition zu einer großen Gruppe von ca. 50-60 Teilnehmern aufgeschlossen und ich konnte mich hinten ziehen lassen.
Am Fuße des Brenner durfte ich einen echten Gänsehautmoment erlegen. In besagter Gruppe fahrend, passierten wir in Innsbruck eine relativ große Anzahl an Zuschauern, die alle auf die Leitplanken trommelten. Ein dumpfer Basston umgab die Strecke und ging tatsächlich unter die Haut. Das sind die Momente, an denen sich die Teilnahme lohnt.
Die Gruppe fiel bergauf dann wieder in mehrere Kleingruppen. Meine Taktik war die gleiche wie am Kühtai – max. 200 – 220 Watt und Körner sparen.

Zum dritten Mal bergauf – der Jaufenpass
Die Abfahrt vom Brenner war wenig spektakulär und verlief ähnlich wie beim Kühtai. Ich bremste weniger als die anderen und konnte so einige Plätze aufholen. Im Tal hatte ich wieder eine kleine, aber feine Gruppe, mit der ich in Richtung Jaufenpass fuhr. Etwas die Hälfte der Strecke war absolviert, jedoch lagen noch zwei schwierige Bergpässe vor mir. Am Fuße des Jaufen habe ich die gleiche Taktik wie bisher angewendet, 200-220 Watt. Ich merkte jedoch schon, dass das noch mühsam werden wird. Mit zunehmender Länge des Anstiegs merkte ich, dass ich die Leistung nicht mehr auf’s Pedal brachte, ich fiel auf ca. 180 Watt, d.h. ca. 2,1 Watt/kg, bergauf nicht „die Welt“. Zusätzlich hatte ich mir auch die Länge des Anstiegs falsch gemerkt, es sind ca. 15km, nicht 10! Mich rettete aber noch die Labstation knapp vor Ende des Anstiegs und so kam ich trotzdem noch gut darüber.

Das Timmelsjoch – ein echter Arschlochberg
Ich ersuche, meine derbe Ausdrucksweise zu entschuldigen, aber das tifft es einfach am besten. Mit der Erfahrung vom Jaufenpass, habe ich es bergab nur rollen lassen, trotzdem wieder einige Teilnehmer überholt. Ich bin echt erstaunt, wie stark man seine Bremsen belasten kann.
Eigentlich beginnt direkt nach der Abfahrt vom Jaufenpass der Anstieg zum Timmelsjoch. Zu Beginn noch relativ moderat, aber mit der Distanz steigt auch die Schwierigkeit. Insgesamt ist der Anstieg ca. 30km lang! Zu Beginn ging es mir noch relativ gut, die Abfahrt brachte ein wenig Erholung, ich konnte wieder meine 200 Watt fahren. Jedoch war dieses Vergnügen nur von kurzer Dauer, also musste ich mit 150-180 Watt durchkommen, mehr ging leider nicht. Nach exakt 10 Stunden Fahrzeit und einer Distanz von 200km kam ich zur Labstelle, die etwa 4km unter dem Gipfel lag und freien Ausblick auf die Kehren und Rampen bot. Was für ein Anblick.

 

Pünktlich fielen auch Nebel, Regen und Kälte ein. Am Rand saßen einige Teilnehmer, die – von den Strapazen gezeichnet – aufgeben mussten. Wahnsinn, da kämpfst Du Dich 200km weit und dann gehen sich die letzten 4km bergauf nicht mehr aus. Muss echt hart sein.
Dieses Schicksal wollte ich nicht erleiden. Ich wusste, ich bin fernab der Karenzzeit, selbst wenn ich nur mehr zu Fuß gehe, schaffe ich es. Drei Gedanken halfen mir, mich am letzten Stück zu überwinden:

  • Links, rechts, links, rechts, links, rechts, ….
  • Ich wusste, Freunde und Bekannte fiebern mit, ich kann sie nicht enttäuschen.
  • Ich will dieses hässliche Finisher-Trikot

Also quälte ich mich die letzten Kilometer bergauf und ließ mich dann die ersten Kilometer bergab bei widrigen Wetterbedingungen runterrollen. Mit Radfahren hatte das nicht viel zu tun. Der kurze Gegenanstieg ging erstaunlich gut. An der Mautstelle zog ich mir noch die Regenjacke an und dann ging es nur mehr abwärts Richtung Ziel.

Völlig durchnässt und durchfroren kam ich nach 12:15 Stunden Fahrzeit in Sölden an. Was für ein Tag, was für ein Bewerb …

 

 

 

Wolfang fuhr mal wieder ein sensationelles Rennen. Von Beginn an vorne im Feld mit dabei, lief es bis zum Jaufenpass nahezu perfekt. Leider musste auch er am Timmelsjoch büßen und hatte mit Krämpfen zu kämpfen. Nach unglaublichen 9 Stunden war Wolfgang aber schon im Ziel und belegte Rang 15 in seiner AK, das verdient mehr als nur Respekt und Anerkennung. Chapeau Wolfgang. Und zur Belohnung blieb er auch noch trocken 😉.

 

4 Antworten auf “Ötztal Radmarathon 2021

  1. Feiner Bericht, man kann mitfühlen, welche Strapazen das für dich waren. Aber du hast durchgebissen und den legendären Ötzi geschafft.
    ALLE ACHTUNG 💪💪💪

  2. Sehr interessanter und eindrucksvoll geschilderter Bericht. Die Qualen des Ötzis sind erst schön, wenn man sie überstanden hat :))
    Wenn du die Labe Schönau meinst, dann bist du noch 8km bergauf gefahren. Nach dem Tunnel ist´s ca. 2km flacher, aber doch leicht bergauf und bis zum Tunnel geht´s ja sowieso zur Sache. Wahrscheinlich hast du dir nur 4km gewünscht, weil es für deine Motivation wichtig war!

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